Wo der Fuchsbandwurm
wirklich lauert
Gefahr besteht weniger im
Wald als bei den vierbeinigen Freunden des Menschen
Experten räumen auf mit der Mär von den gefährlichen Beeren:
Von Heidelbeeren oder Bärlauch kann man vermutlich keinen Fuchsbandwurm
bekommen, sagen Biologen. Viel eher könne man sich den Parasiten von Hunden
holen. Vierbeiner aus Risikogebieten, die häufig Mäuse fressen, sollten
deshalb vorsorglich alle sechs Wochen entwurmt werden. Doch selbst wenn
Fuchsbandwurmeier in den Magen gelangen, besteht nicht immer eine Gefahr: In
nur jedem fünften Fall bricht die lebensbedrohliche Erkrankung aus.
Von Heidelbeeren oder
Bärlauch aus dem Wald bekommt man vermutlich keinen Fuchsbandwurm, sondern
vielmehr der Kontakt mit infizierten Hunden oder anderen Tieren erhöht die
Ansteckungsgefahr. Foto: Dominik Waas, Wikipedia
Die Freude an Heidelbeeren
aus dem Wald ist getrübt, seitdem die Furcht vor dem Fuchsbandwurm umgeht.
Die Eier des Wurmes sollen an den Beeren haften, heißt es, und beim Essen
könnte sich der Mensch infizieren. Doch Bandwurmforscher geben Entwarnung:
"Dass man sich von Beeren den Fuchsbandwurm holen kann, gehört ins Reich der
Legenden. Es ist für keinen einzigen Patienten erwiesen, dass er sich so
angesteckt hat", sagt Molekularbiologe Klaus Brehm von der Universität
Würzburg. Heidelbeeren aus dem Wald könnten nach dem Waschen bedenkenlos
gegessen werden. Auch bei Bärlauch bestünde keine Gefahr. "Ich esse Beeren
und Bärlauch auch und mache mir deshalb keine Gedanken", bekräftigt Brehm.
Allenfalls bei Erdbeeren, die häufig Kontakt mit dem Boden haben, kann sich
der Forscher ein minimales Infektionsrisiko vorstellen.
Viel gefährlicher als die Nahrung aus dem Wald sei der Kontakt mit
infizierten Tieren: Einige Jäger hätten sich beispielsweise die Erkrankung
beim Abziehen des Fells der Füchse zugezogen. Aber auch Hunde können den
Parasiten übertragen. Die Eier haften im Fell der Vierbeiner und heften sich
beim Streicheln an die Hände. Von dort ist der Weg in den Magen nicht mehr
weit. Nur wenn die Eier über den Mund aufgenommen werden, kann der Wurm sich
ausbreiten. "Vorsichtshalber sollte man den Vierbeiner in den betroffenen
Gebieten alle sechs Wochen entwurmen. Vor allem dann, wenn der Hund Mäuse
frisst", rät Brehm. Mäuse dienen dem Fuchsbandwurm als Zwischenwirt und
gelten deshalb als mögliche Quelle der Ansteckung für die Haustiere.
Das Europäische Echinokokkose-Register der Universität Ulm berichtet, dass
die meisten Erkrankten einen Hund besitzen und sich vermutlich bei diesem
infiziert haben. Eine andere auffällige Häufung gebe es bei Landwirten.
Wahrscheinlich nehmen sie beim Kontakt mit der Erde die Eier auf, vermuten
die Experten. Deshalb sollten Hundehalter und Bauern lieber einmal mehr vor
dem Essen die Hände waschen, um eventuell anhaftende Bandwurmeier
abzuspülen.
Insgesamt ist die Fuchsbandwurmerkrankung allerdings äußerst selten. Jedes
Jahr stecken sich etwa zwanzig bis dreißig Menschen in Deutschland neu an.
Die Zahlen steigen indes leicht, da sich die Füchse ausbreiten. Sie dringen
aus den ländlichen Regionen immer weiter in die Städte vor. Hochburgen des
Fuchsbandwurmes liegen derzeit in Süddeutschland, auf der Schwäbischen Alb
in Baden-Württemberg und im Allgäu. Dennoch müssen auch Bewohner dieser
Regionen sich nicht unmittelbar vor dem Parasiten fürchten.
Auch bekommen viele Menschen nie den Fuchsbandwurm, obwohl sie offenbar die
Eier aufgenommen haben. Als Erklärung führen die Experten beim Europäischen
Echinokokkose-Register an, dass große Teile der Bevölkerung gegen den
Parasiten resistent sind: In Blutproben finden sich Antikörper gegen den
Erreger, obwohl der Betroffene nie erkrankt ist. Nur zwanzig Prozent der
Menschen, die Fuchsbandwurmeier geschluckt haben, bekommen auch Beschwerden.
Brehm vermutet, dass eine sehr große Zahl an Eiern aufgenommen werden muss,
damit die Erkrankung überhaupt ausbricht.
Dann schlüpfen die Larven im Darm und wachsen anschließend in der Leber zu
Zysten heran. Dieser Vorgang wird von unspezifischen Bauchschmerzen
begleitet, die bei vielen Betroffenen keinen Verdacht wecken. "Oft vergehen
fünf bis zehn Jahre, bis der Patient die Erkrankung bemerkt", schildert
Brehm. Die meisten Fälle werden bei Routineuntersuchungen aufgedeckt, wenn
der Arzt die Zysten in der Leber im Ultraschallbild sieht.
Der Parasit breitet sich langsam, aber beständig aus. Wenn die Zysten sich
ausdehnen, können sie Blutgefäße in der Leber abdrücken. Wird der
Gallenkanal eingezwängt, kann das Organ nicht mehr normal arbeiten. Eine
Gelbsucht entsteht. Vermehren sich die Larven weiter, versagt schließlich
die Leber und der Erkrankte stirbt. Wird die Infektion frühzeitig erkannt,
stehen die Chancen jedoch gut, die Erkrankung durchzustehen. Wenn der
Verdacht besteht, Fuchsbandwurmeier aufgenommen zu haben, kann ein Bluttest
Klarheit bringen. Falls der Bluttest positiv ausfällt, also tatsächlich Eier
geschluckt wurden, empfiehlt er, sich jedes Jahr per Ultraschall untersuchen
zu lassen.
Wenn sich wirklich ein Infektionsherd in der Leber bildet, kann dieser mit
einer Chemotherapie bekämpft werden. "Im frühen Stadium kann man es
schaffen, den Parasiten loszuwerden", meint Brehm. Die Ärzte versuchen
zusätzlich, die Zysten in einer Operation herauszuschneiden. Dies gelingt
jedoch nur, wenn der Bandwurm rechtzeitig entdeckt wird – derzeit etwa bei
18 Prozent der Fälle. Bei den übrigen Patienten sind die Zysten bereits so
ausladend, dass sie nicht mehr chirurgisch entfernt werden können. "In
diesen Fällen bleibt nur noch die Chemotherapie, die jedoch den Parasiten
nicht abtötet, sondern nur seine weitere Ausbreitung verhindert", macht
Brehm klar.
Viele Infizierte belastet diese Aussicht. Dennoch können die meisten mit
einer Therapie laut Europäischem Echinokokkose-Register ein weitgehend
normales Leben führen und sind jahrelang frei von körperlichen Beschwerden.
ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner
Früher glaubte man, der
Fuchsbandwurm würde über Waldfrüchte übertragen. Heute gelten Hunde als
Überträger.
Der
Fuchsbandwurm wird hauptsächlich von Hunden und Katzen übertragen.
Von Rosemarie Stein
24.7.2007 15:46 Uhr

......Eine Frau pflückt am Waldrand Brombeeren in ein Joghurt-Eimerchen,
zwischendurch steckt sie eine Beere auch mal in den Mund. Da spricht eine
jüngere Frau sie an, die mit Kind und Hund spazieren geht: "Trauen Sie sich
denn, diese Beeren zu essen? Es wird doch immer gewarnt, dass man sich so
den Fuchsbandwurm holen und sehr krank werden kann."
"Sie haben recht. An Ihrer Stelle würde ich auch keine Wildbeeren essen oder
gar dem Kind geben. Aber ich bin alt, und selbst wenn ich mich infiziere,
würde ich den Ausbruch der Krankheit gar nicht mehr erleben." Die
Inkubationszeit, also die Zeit, bis die Krankheit ausbricht, beträgt in der
Tat über zehn Jahre. Allerdings hat nur jeder dritte Infizierte ernsthafte
Beschwerden. Dennoch muss man vorsichtig sein. Früher konnte die
Fuchsbandwurmkrankheit – die Echinokokkose – tödlich enden. Heute muss man
lebenslang Tabletten einnehmen, weil man die Parasiten nie ganz los wird.
Das Gespräch der Beerensammlerinnen liegt einige Zeit zurück. Heute wäre die
Warnung vor Waldbeeren maßlos übertrieben. Die Wissenschaft hat Entwarnung
gegeben, was die Früchte des Waldes betrifft. Dafür mahnen die Experten zur
Vorsicht beim Umgang mit Haustieren wie Hund und Katze.
Dem Fachblatt "Münchner Medizinische Wochenschrift" (2007, Nr. 29–30, S. 18)
sagte Peter Kern, Infektionsmediziner am Uniklinikum Ulm: "Es gibt keinen
Beleg dafür, dass beim Verzehr von Waldbeeren ein Risiko besteht, sich mit
dem Fuchsbandwurm zu infizieren." In Ulm dokumentiert man alle
gesicherten Fälle von Erkrankungen des Menschen durch den Fuchsbandwurm (Echinokokkus
multilocularis), die von den Ärzten gemeldet werden. Hier befindet sich der
deutsche Stützpunkt des Europäischen Echinokokkose-Registers.
Nur 13 bis 23 Neuerkrankungen pro Jahr
Solche Register sind sehr nützlich, weil die Forscher damit Fragen wie diese
klären können: In welchen Regionen häufen sich bestimmte Krankheiten? Was
kann die Ursache sein? Welche Behandlung hat sich am besten bewährt?
Besonders wichtig ist diese zentrale Registrierung bei seltenen Leiden wie
der Fuchsbandwurmkrankheit des Menschen. Ans Robert-Koch-Institut (RKI)
werden pro Jahr nur 13 bis 23 Neuerkrankungen gemeldet (es besteht
Meldepflicht ohne Namensnennung). Und Kern spricht von 20 bis 25 neuen
Fällen jährlich.
Der Arzt gibt bei der Registrierung auf dem Erhebungsbogen Auskunft über die
Diagnostik der nicht leicht zu erkennenden Krankheit, über die befallenen
Organe (meist die Leber und benachbartes Gewebe) sowie die Behandlung. Die
Patienten werden dabei nach ihren bisherigen Wohnorten, beruflicher
Tätigkeit und Haustieren gefragt.
Es zeigte sich, dass die meisten Echinokokkosefälle in den seit langem dafür
bekannten Gebieten vorkommen: der Schwäbischen Alb, der Alb-Donau-Region, in
Oberschwaben und dem Allgäu. Reisen dorthin gelten aber nicht als riskant,
weil man die Wurmeier wahrscheinlich immer wieder aufnehmen muss, ehe es zur
Erkrankung kommt.
Im übrigen Deutschland, auch in Berlin, "inden sich bis jetzt nur
Einzelfälle im Abstand von mehreren Jahren", heißt es im "Epidemiologischen
Bulletin" Nr. 15/2006 des RKI.
Dort werden auch die Ergebnisse einer RKI-Studie mit 40 Patienten und 120
vergleichbaren Kontrollpersonen mitgeteilt. Das Risiko, sich die
Fuchsbandwurmkrankheit zu holen, ist demnach "deutlich höher bei Personen,
die in der Landwirtschaft tätig sind oder Umgang mit Hunden haben". Ein
Zusammenhang mit dem Sammeln und Essen von Wildbeeren oder -pilzen ergab
sich nicht.
Heidelbeeren sammeln wie als Kind
Eine gute Nachricht. Man darf wieder Heidelbeeren sammeln wie als Kind.
Richtige Blaubeeren, die Zähne und Zunge färben und nach Wald schmecken,
anders als die großen Kulturheidelbeeren, die nur von außen blau sind. Die
einzigen Risiken und Nebenwirkungen sind Mückenstiche.
Die schlechte Nachricht: Zu inniger Kontakt von Kind und Hund oder Katze
kann riskant sein. Das müsste die erfahrene Beerensammlerin der jungen
Mutter heute sagen. Denn, so der Ulmer Spezialist Peter Kern: "Der Hund
ist ein guter Wirt für den Fuchsbandwurm, deshalb müssen Hunde alle drei
Monate entwurmt werden." Und vor dem Essen die Hände waschen, falls doch
Wurmeier dran kleben.
In Berlin sieht man die Lage genauso wie in Ulm, sagte dem Tagesspiegel
Klaus Stark, im RKI Fachgebietsleiter für Zoonosen – das sind
Tierkrankheiten, die auch auf den Menschen übertragbar sind. "Null Risiko"
gebe es zwar nie, aber die Wahrscheinlichkeit, sich durch Waldbeeren zu
infizieren, sei äußerst gering. Worauf aber stützen sich die nun überholten
Warnungen? Nur auf eine "theoretische Vermutung", sagt Stark. Die Entwarnung
dagegen ist durch Register und Studie wissenschaftlich begründet (evidenzbasiert).
Selbst medizinische Wörterbücher weisen immer nur auf Hunde, nie auf Beeren
als Infektionsquelle hin. Warum hält sich die Angst vor dem Ungeheuer vom
Sommerloch, dem weniger als drei Millimeter kleinen Fuchsbandwurm, so
hartnäckig? "Die Warnungen sind schnell raus, die Entwarnungen kommen nicht
recht an", sagte Angelika Michel-Drees vom Bundesverband der
Verbraucherzentralen kürzlich bei einer Tagung des Bundesinstituts für
Risikobewertung.
Dessen Präsident Andreas Hensel meinte selbstkritisch: "Wir haben eine
Risiko-Industrie, und daran sind nicht nur die Medien, sondern auch die
Verbraucherzentralen und die Wissenschaft beteiligt." Die Furcht vor dem
Fuchsbandwurm war offenbar ein besonders erfolgreiches Produkt dieser
"Industrie".
http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/gesundheit/Fuchsbandwurm;art300,2345770